Hamburger Fußball-Verband Twin Games Hamburg; Drop-out-Quote sinkt

Twin Games im Expertencheck (Teil 1): Von allem findet mehr statt - Hamburger Fußball-Verband e.V.

Twin Games im Expertencheck (Teil 1): Von allem findet mehr statt

Mehr Ballkontakte, mehr Aktionen, mehr Freude am Fußball: Mit den Twin Games verfolgt der Hamburger Fußball-Verband das Ziel, jedem Kind möglichst viele Spielmomente zu ermöglichen. Doch was macht die Spielform so besonders? Wir haben nachgefragt bei HFV-Verbandssportlehrer Stephan Kerber, Auswahltrainerin Antonia Leiseder und DFB-Stützpunktkoordinator Lewe Timm.

Was sind Twin Games überhaupt?

Die Grundidee klingt simpel: Aus einem Spiel werden zwei. „Es ist die Chance, anstatt eine Mannschaft mit vielen Kindern zu bestücken, letztendlich aufteilt in ein Zwillingspiel, sodass es zwei Spielfelder gibt, in denen alle Spieler und Spielerinnen zum Spielen kommen“, erklärt Stephan Kerber. Der Gedanke dahinter: Jedes Kind soll aktiv am Spiel teilnehmen und möglichst oft in Aktionen kommen. Dabei geht es um weit mehr als fußballerische Entwicklung. „Wir schaffen es über dieses neue Format, die Drop-Out-Quote zu verringern, weil man im jüngsten Altersbereich diesen Kindern Erfolge und Spaß und Bewegungsfreude ermöglicht“, erklärt Kerber weiter. Denn Kinder erleben häufiger Erfolgsmomente, müssen weniger warten und sind dauerhaft in das Spiel eingebunden.

Was verändert sich bei den Kindern?

Dass die Spielform Auswirkungen auf das Verhalten der Spieler* innen hat, beobachten neben Stephan Kerber auch Antonia Leiseder und Lewe Timm. „ Sie haben eine hohe Aktivität, sich häufiger dem Ball zu zeigen, den Ball zu fordern und in Ballhandlungen zu gelangen“, sagt Kerber. Besonders auffällig sei, dass Kinder „weniger lang ausgeknipst im Spiel“ seien.

Lewe Timm ergänzt: „Die Kinder kommen besser klar in engen und kleinen Räumen, sind häufig technisch besser ausgebildet über die Zeit, weil sie zu viel mehr Aktionen kommen.“ Besonders interessant sei dabei die Entwicklung jener Kinder, die bislang eher im Hintergrund standen. „Vor allen Dingen profitieren die, die vorher zu weniger Aktionen und weniger Spielzeit gekommen sind. Das heißt, die Schwächeren oder auch die Retardierteren, die noch nicht so weit entwickelten.“ Für diese Kinder ergeben sich plötzlich völlig neue Möglichkeiten: „Sie sind nicht die Ersten, die ausgewechselt werden oder die nur dann eingewechselt werden, wenn der Spielstand schon klar ist. Sie müssen teilnehmen, sie müssen in die Aktionen, sie müssen in die Verantwortung“, erklärt Lewe Timm.

Dabei profitieren allerdings nicht nur die Schwächeren erklärt Stephan Kerber: „Bei dem Thema Twin und bei den neuen Spielformaten gibt es für alle Kinder ein Mehr: Mehr Ballkontakte, mehr Ballsicherheit, mehr Akzente im Spiel, mehr Freude am Spiel und mehr Erfolge im Spiel.“

Auch Antonia Leiseder erlebt das regelmäßig auf dem Platz: „Der größte Unterschied ist, dass keiner warten muss, auf der Bank sitzt oder nicht spielen darf. Alle Kinder sind aktiv.“ Denn durch die kleineren Gruppen bekomme jedes Kind automatisch mehr Möglichkeiten. „Da alle aktiv sind, haben wir die maximale Erfolgsquote in Lern- und Ballsituationen – und hoffentlich auch im Spaß.“

Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?

Im Mädchen-Auswahlbereich gehören kleine Spielformen längst zum Trainingsalltag. „Hier im Auswahltraining der Mädchen trainieren wir viel in diesem Modus in kleinen Gruppen, drei bis sechs Mädels pro Gruppe“, berichtet Antonia Leiseder. Grundsätzlich sieht sie zwischen Mädchen und Jungen in diesen Altersklassen kaum Unterschiede, betont allerdings: „Im Juniorenbereich wird schon viel früher auf Leistung gepolt. Mit Twin Games versuchen wir das ein bisschen zu entspannen, mehr den Fokus auf die Kinder zu legen und nicht auf das Talent, das irgendwann vielleicht ein Profi wird.“

Was bedeutet das für unterschiedliche Altersklassen?

Die Anforderungen verändern sich mit zunehmendem Alter. „Bei den ganz Kleinen sind wir ja noch im Funino-Bereich mit noch kleineren Gruppen und noch mehr Spielsituationen“, erklärt Leiseder. Während bei den Jüngsten zunächst Bewegung und Spielerfahrungen im Vordergrund stehen, wünschen sich ältere Spielerinnen häufiger größere Spielfelder. „Die älteren Mädels wollen am liebsten immer aufs große Feld spielen. Das bringt am meisten Spaß. “

Der Hamburger Fußball-Verband gehört zu den Vorreitern bei der Einführung der Spielform. Dahinter steckt eine klare Idee. „Wir haben ein anderes Aufwachsen der Kinder im Fußball. Eines, das mehr Freude ermöglicht und dazu beiträgt, dass Kinder dem Sport langfristig erhalten bleiben“, erklärt Kerber.

Auch für Lewe Timm steht der langfristige Nutzen im Vordergrund: „Wir wollen, dass der Fußball besser wird und dass es mehr Möglichkeiten gibt.“ Sein zentraler Wunsch: „Mehr Kinder, mehr Jugendliche sollen dem Sport erhalten bleiben, weil sie Freude daran empfinden und sich mitgenommen fühlen und nicht an den Rand gedrängt oder zurückgestellt werden.“ Denn am Ende gehe es um Teilhabe, erklärt Timm: „Egal ob ich groß oder klein bin: Ich bin auf dem Feld, ich bin wichtig für mein Team, ich nehme daran teil.“

Die ersten Erfahrungen aus der Pilotphase sind sehr positiv – auch was die Trainer*innen-Rolle betrifft. „Wir können feststellen, dass bei Trainern, die Kinder im Twin Modus alleine spielen lassen, gar nicht so viel Intervention benötigt wird“, berichtet Kerber. Auch neben dem Spielfeld habe sich etwas verändert. „Die Eltern zeigen sich entsprechend separierter, entspannter.“

Für ihn eine wichtige Erkenntnis und zentrale Botschaft: „Der Bundesliga-Fußball überträgt sich nicht auf die Kinder, sondern es ist ein kindgemäßes, sich-selbst-überlassendes Format geworden.“

Twin Games und die Trainingsphilosophie Deutschland

Dabei passen Twin Games perfekt zur Trainingsphilosophie Deutschland. „Die Trainingsphilosophie Deutschland zielt darauf ab, dass es zu mehr Aktionen, mehr Ballkontakten und intensiveren Trainings kommt“, erklärt Timm. Genau das bilde die Spielform im Wettbewerb ab. „Die Hoffnung dahinter ist natürlich, dass wenn wir so spielen, auch so trainiert wird.“

Welches Problem lösen Twin Games?

Für die Experten des HFV ist die Antwort ganz einfach: „Es sollen keine Kinder auf der Bank sitzen“, meint Stephan Kerber. „Durch Spielzeiten können sich die Kinder weiterentwickeln. Sie sollen kurze Wege zum Tor haben. Damit schaffen sie letztendlich ihre Erfolgserlebnisse, ihren Spaß, ihre Freude.“

Dabei geht es nicht nur um Spielzeit, sondern auch um die soziale Entwicklung. „Sie sind Teil der Gruppe, Teil der Mannschaft. Teamorientiertes Verhalten wird durch Twin Games sehr gut geschult.“

Das zahle auch auf das zentrale Ziel – die langfristige Bindung an den Sport – ein, erläutert Lewe Timm: „Wir hoffen, dass wir darüber viel mehr Kinder in unserem Sport halten können, weil sie Einsatzzeit bekommen, weil sie Möglichkeiten bekommen, weil sie Aktionen bekommen.“

Twin Games sind nur ein Teil

Natürlich müssten Kinder später auch größere Räume kennenlernen, meint Steohan Kerber. „Irgendwann sprechen wir schon darüber, dass die Kinder einen gewissen Tiefgang erleben sollen und ein großes Feld erfassen können. Das ist kein Widerspruch zu den Twin Games, sondern nur der nächste Step.“

Im zweiten Teil des Interviews sprechen Stephan Kerber und Lewe Timm über die Perspektive der Vereine: Welche organisatorischen Anforderungen gibt es? Wie verändert sich die Rolle der Trainer*innen? Welche Chancen bieten Twin Games für Vereine und warum lohnt es sich, Kindern mehr Eigenverantwortung zuzutrauen?

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