Zwei Bürgerinitiativen in Deutschland gegen Geflüchtetenunterkünfte; Schutz westlicher Frauen als Legitimationsstrategie
WsD19
WISSEN SCHAFFT DEMOKRATIE (2026), Bd. 19 164 „Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“ – Geschlechternarrative in lokalen Protesten gegen Geflüchtetenunterkünfte Sophia Fechter Ausgehend von der Beobachtung, dass der vermeintliche Schutz westlicher Frauen in migrationspolitischen Debatten immer wieder als Legitimation für Abwehrprakti ken gegenüber nicht-westlichen Migrant*innen fungiert, untersucht der Beitrag, wie geschlechtsspezifische Sicherheitsnarrative in kommunalen Protesten gegen Geflüch tetenunterkünfte aufgegriffen werden. Analysiert werden zwei Bürgerinitiativen, die sich 2023 gegen geplante Sammelunterkünfte formierten. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern sie Geflüchtete als Bedrohung lokaler Frauen konstruieren und die Ablehnung der Unterkünfte im Namen eines vermeintlichen Frauenschutzes legitimieren. Die Analyse zeigt: Beide Initiativen externalisieren Gewalt gegen Frauen kulturell, indem sie Geflüchtete als homogene, muslimisch codierte Männergruppe und zugleich als Gefahr für lokale Frauen konstruieren. In einem Fall erscheinen Frauen und Mädchen vor allem als passive Symbole einer bedrohten lokalen Heimat; im anderen wird stärker eine gleichstellungspolitische Sprache genutzt, die die Unterkunftsabwehr als Verteidigung westlicher emanzipatorischer Errungenschaften rahmt. Empfohlene Zitierung: Fechter, Sophia (2026). „Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“ – Geschlechternarrative in lokalen Protesten gegen Geflüchtetenunterkünfte. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratie und Geschlecht, Band 19. Jena, 164–175. Schlagwörter: Geschlecht und Migration, Sicherheitsdiskurse, kommunale Aushandlungen, Bürgerinitiativen
165 „DIE ANALYSE ZEIGT, DASS DER SCHUTZ WESTLICHER FRAUEN IN LOKALEN PROTESTEN GEGEN GEFLÜCHTETENUNTERKÜNFTE ALS MORALISCHE LEGITIMATIONSSTRATEGIE GENUTZT WIRD, UM MIGRATIONSPOLITISCHE ABWEHR ALS VERTEIDIGUNG VON SICHERHEIT, GLEICHBERECHTIGUNG UND LOKALER ORDNUNG ERSCHEINEN ZU LASSEN.“ Sophia Fechter
WISSEN SCHAFFT DEMOKRATIE (2026), Bd. 19 166 Thema und übergeordneter Diskurs Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Oktober 2025 Kritik an seiner Aussage über ein „Problem im Stadtbild“ mit dem Hinweis konterte, man solle „die Töchter fragen“, lässt sich dies als wichtiger diskursiver Moment verstehen (Jäger et al. 2024, 222; Böhl 2025). Die Äußerung wurde medial und politisch breit aufgegriffen, kommentiert und auf ein etabliertes Narrativ zugespitzt: Nicht mehr nur die Sicherheitsrisiken städtischer Räume stand im Zentrum, sondern auch die Frage nach der Schutzbedürftigkeit westlicher Frauen vor migrantischen Männern (Adamek 2025; Epstein 2025; Kelle 2025; Schwarze 2025). Die Verschränkung von Sicherheits-, Geschlech ter- und Migrationsdiskursen wird besonders dort wirksam, wo der Schutz westlicher Frauen zur Legitimation von Ausschluss- und Abwehr politiken dient. Yurdakul et al. (2018, 290–293) zeigen, dass sexualisierte Gewalt durch männ liche Migranten an Straf- und Aufenthaltsrecht gekoppelt werden: Wenn „fremde Männer“ deutsche Frauen gefährden, resultieren dar aus nicht nur strafrechtliche Fragen, sondern auch migrationspolitische Konsequenzen. Farris (2017, 27 f.) zeigt, dass rechte Parteien in Europa, die feministische Anliegen sonst häufig ablehnen, den Schutz westlicher Frauen dann betonen, wenn migrationsfeindliche Positionen legitimiert werden sollen (vgl. hierzu auch die Beiträge von Volk sowie von Meyer et al. in diesem Band). Zugleich macht sie deutlich, dass das Bild des nicht- westlichen, muslimischen und patriarchalen „Anderen“ auch in neoliberalen und feministischen Diskursen aufgegriffen wird, um migrationsbezogene Anliegen in Namen der Frauenrechten durch zusetzen (Farris 2017, 1–5). Diese Strategien wirken, weil sie auf etablierte postkoloniale Deutungsmuster zurückgreifen, die bis heute medial und politische reproduziert werden: Studien belegen, dass Migrant*innen, Geflüchtete sowie der Islam im öffentlichen Diskurs vielfach über Sicherheits- und Misstrauens narrative als kriminell, rückständig oder bedrohlich markiert werden. Dabei erscheinen Geflüch tete in der medialen Darstellung oft als überwiegend homogene männliche Gruppe und werden überproportional mit Gewalt- und Sexualdelikten verknüpft. Migrantische Stimmen bleiben meist ausgeblendet (Drüecke 2016, 17–35; Hestermann 2025, 3; Maurer et al. 2021, 3–26; Van Berkum et al. 2026, 12–15; Yurdakul et al. 2018, 289–290). Die Verschränkung von Sicherheits-, Geschlechter- und Migrationsdiskur sen wird besonders dort wirksam, wo der Schutz westlicher Frauen zur Legitimation von Ausschluss- und Abwehrpolitiken dient.
Sophia Fechter „Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“ – Geschlechternarrative in lokalen Protesten gegen Geflüchtetenunterkünfte 167 Nach Jäger et al. (2024, 82–116) ist Wahrheit keine objektive Entdeckung, sondern eine historisch variable diskursive Konstruktion, bei der Institutionen und Machtverhältnisse festlegen, welche Aus sagen Legitimität erhalten. Durch repetitive Reproduktion verfestigen sich mediale, politische und alltägliche Zuschreibungen über nicht-westliche Migrant*innen als scheinbar selbstverständliches Wissen. Eine zentrale Rolle spielen dabei diskursive Ereignisse, die Sagbarkeitsfelder qualitativ ver schieben (Jäger et al. 2024, 221–223). So überlagerte etwa nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 eine Ethnisierung von Sexismus die vormalige Willkommenskultur: Sexualisierte Gewalt wurde als rein importiertes Problem externalisiert, nicht-weiße Männer zu einer homogenen Tätergruppe konstruiert und Forderungen nach Abschiebungen sowie Verschärfungen des Asylrechts gewannen an Gewicht (Dietze 2016, 93–101; Drüeke 2016, 3–36; Yurdakul et al. 2018, 287–293; Jäger et. al 2024, 215–223). Der Untersuchungsgegenstand Diskurse operieren nach Jäger et al. (2024, 217–218) auf verschiedenen, sich gegenseitig durch dringenden Ebenen wie Politik, Medien und Alltag. Während politische und mediale Diskurse zur Verflechtung von Migration, Sicherheit und Geschlecht häufig untersucht wurden, stehen kommu nale Aushandlungen seltener im Fokus – obwohl gerade dort Fragen des Zusammenlebens konkret werden, etwa wenn geplante Geflüchtetenunterkünfte Gegenproteste in Form von Petitionen, Demonstrationen oder Bürgerinitiativen (BI) auslösen. Als überwiegend informelle, projektbezogene und ressourcenschwache Zusammenschlüsse sind BI ein aufschlussreicher Untersuchungsgegenstand, da sie politischen Druck vor allem über öffent liche Mobilisierung erzeugen müssen (Bräuer 2020, 25–27; Mayer-Tasch 1985, 17). In Bezug auf die moralische Legitimation der Unterkunftsablehnung liegt es daher nahe, dass sie auf bestehende negative Wissensbestände über Geflüchtete zurückgreifen. Für den vorliegenden Kontext wird die Frage ana lysiert, inwiefern BI gegen Geflüchtetenunterkünfte auf Vorstellungen nicht-westlicher Männer als Bedro hung lokaler Frauen zurückgreifen und damit jene Legitimationsstrategien der Abwehr im Namen des Frauenschutzes reproduzieren, die politische und öffentliche Diskurse vielfach prägen. Zugleich wird untersucht, wie sich die BI dabei selbst verorten und präsentieren. Die Analyse erfolgt anhand zweier Fall beispiele, in denen BI Geschlechternarrative nutzen, um geflüchtete Männer als Bedrohung lokaler Es wird u. a. die Frage ana lysiert, inwiefern BI gegen Geflüchtetenunterkünfte auf Vorstellungen nicht-westli cher Männer als Bedrohung lokaler Frauen zurückgreifen.
WISSEN SCHAFFT DEMOKRATIE (2026), Bd. 19 168 Frauen zu markieren. Mithilfe der Kritischen Diskursanalyse (KDA) nach Jäger et al. (2024, 123–211) werden die Textquellen auf sprachlich-rhetorische Mittel, Symbole, Binarismen, Normalitäts vorstellungen und Deutungshoheiten sowie auf Rückkopplungen an gesamtgesellschaftliche Wissensbestände untersucht. Initiativen und Standorte wurden anonymisiert. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf diskursive Legitimationsstrategien und nicht auf eine Bewertung der konkreten Unterbringungsprozesse in den einzelnen Gemeinden. Die Anonymisierung schützt lokale Kontexte und vermeidet eine Reich weitenverstärkung rechtsextremer Akteurinnen. Fallbeispiel BI-A BI-A wurde 2023 in einer hessischen Kommune gegründet, um eine geplante Großunterkunft zu verhindern, und nach deren Realisierung noch im selben Jahr wieder aufgelöst. Die ausschließ lich in der Planungsphase aktive BI trat vor allem über eine Webseite und eine Online-Petition in Erscheinung (Webseite BI-A; openPetition BI-A 2023). Für die KDA wird zunächst die Webseite als zentrales Diskursfragment analysiert; anschließend werden Interviewaussagen einbezogen, die in der Frankfurter Neuen Presse abgedruckt wurden (Seipel 2023). Die Webseite ist schlicht aufgebaut und wenig bildreich. Im Zentrum steht ein Erklärungstext. Mög lichkeiten zur Interaktion oder Gegenrede fehlen. Das Kontaktformular ist anonymisiert und die Sprecherinnen werden insgesamt nicht sichtbar. Der Text beginnt damit, dass die BI sich zur „unpoliti schen“ und „neutralen“ Initiative erklärt und betont, sie habe „nichts gegen Flüchtlinge aus Kriegsgebieten“; Schutz für „schutzsuchende Familien“ sei „humanitäre Pflicht“ (Webseite BI-A). Im Anschluss an diese positive Selbstbe schreibung folgt die negative Kategorisierung der im Ort erwarteten Geflüchteten. Diese werden als „Weltflücht linge“ beschrieben, die „aus sicheren Herkunftsländern“ kämen und damit als „Wirtschaftsflüchtlinge“ anzusehen seien. Daran anknüpfend folgert die BI: „Der Begriff ‚Weltflüchtlinge‘ umschreibt hierbei, dass es sich bei den Menschen fast ausschließlich um junge Männer aus muslimischen Herkunftsländern handelt.“ (Webseite BI-A) Die Aufnahme wird als direkte Bedrohung für die Sicherheit im Ort gezeichnet: „Sollte der Bau tatsächlich genehmigt werden, entsteht in dem bisher noch idyllischen Ort ein Brennpunkt.“ (Webseite BI-A) Im Anschluss an eine positive Selbstbeschrei bung folgt die negative Kategorisierung der im Ort erwarteten Geflüchteten.
Sophia Fechter „Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“ – Geschlechternarrative in lokalen Protesten gegen Geflüchtetenunterkünfte 169 Das „Wir“ erscheint humanitär, nüchtern, neutral und verantwortungsvoll („humanitäre Pflicht“), während das „Sie“ als gefährlich, unpassend und abwehrbedürftig markiert wird („Weltflüchtlinge“, „Wirtschaftsflüchtlinge“). Verstärkt wird diese Gegenüberstellung durch das Kollektivsymbol des „Brennpunkts“. Die Bezeichnung ruft Vorstellungen von sozialen Problemen und Kriminalität auf. Der „idyllische Ort“ fungiert als positives Gegensymbol für Ordnung und Normalität. So entsteht ein sym bolischer Innenraum, der als schutzwürdig und zugleich bedroht erscheint (Jäger et al. 2024, 186–187). Die Betonung „muslimischer Männer“ aktiviert etablierte mediale und politische Deutungen, in denen Islam und nicht-westliche Männlichkeit mit Patriarchalität und Bedrohung verknüpft werden. Im nächsten Absatz wird argumentiert, dass Geflüch tete aufgrund „von verschiedenen Religionen und/oder Geschlechtern“ getrennt würden, um „Streitigkeiten oder Übergriffe“ zu vermeiden, aber „wir gesellschaft lich in den vergangenen Jahren eines besseren belehrt“ wurden (Webseite BI-A). Diese vermeintliche „Belehrung“ lässt das „Wir“ als ehemals naiv, nun jedoch desillu sioniert und wissend erscheinen. Geflüchteten wird kollektiv unterstellt, die Erwartung eines friedlichen, regelkonformen Zusammenlebens enttäuscht und Vertrauen verspielt zu haben. So konstruiert die BI eine Solidargemeinschaft mit der Leserschaft und aktiviert ein vermeintlich geteiltes negatives Alltagswissen (Jäger et al. 2024, 83–93). Darauf folgt: „in den meisten Groß- und Kleinstädten trauen sich junge Frauen, aus Angst vor Übergriffen, nicht mehr alleine auf die Straße“ (Webseite BI-A