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title: "Zwei Bürgerinitiativen in Deutschland gegen Geflüchtetenunterkünfte; Schutz westlicher Frauen als Legitimationsstrategie"
sdDatePublished: "2026-09-15T16:05:00Z"
source: "https://www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/PDF_WsD19/WsD19_Beitrag_Sophia_Fechter.pdf"
topics:
  - name: "immigration policy"
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  - name: "refugees and internally displaced people"
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locations:
  - "Jena"
  - "Köln"
  - "Hessen"
  - "Germany"
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Zwei Bürgerinitiativen in Deutschland gegen Geflüchtetenunterkünfte; Schutz westlicher Frauen als Legitimationsstrategie

WsD19

WISSEN SCHAFFT DEMOKRATIE (2026), Bd. 19
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„Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“
– Geschlechternarrative in lokalen Protesten
gegen Geflüchtetenunterkünfte
Sophia Fechter
Ausgehend von der Beobachtung, dass der vermeintliche Schutz westlicher Frauen
in migrationspolitischen Debatten immer wieder als Legitimation für Abwehrprakti­
ken gegenüber nicht-westlichen Migrant*innen fungiert, untersucht der Beitrag, wie
geschlechtsspezifische Sicherheitsnarrative in kommunalen Protesten gegen Geflüch­
tetenunterkünfte aufgegriffen werden. Analysiert werden zwei Bürgerinitiativen, die
sich 2023 gegen geplante Sammelunterkünfte formierten. Im Zentrum steht die Frage,
inwiefern sie Geflüchtete als Bedrohung lokaler Frauen konstruieren und die Ablehnung
der Unterkünfte im Namen eines vermeintlichen Frauenschutzes legitimieren. Die
Analyse zeigt: Beide Initiativen externalisieren Gewalt gegen Frauen kulturell, indem
sie Geflüchtete als homogene, muslimisch codierte Männergruppe und zugleich als
Gefahr für lokale Frauen konstruieren. In einem Fall erscheinen Frauen und Mädchen
vor allem als passive Symbole einer bedrohten lokalen Heimat; im anderen wird
stärker eine gleichstellungspolitische Sprache genutzt, die die Unterkunftsabwehr
als Verteidigung westlicher emanzipatorischer Errungenschaften rahmt.
Empfohlene Zitierung:
Fechter, Sophia (2026). „Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“ – Geschlechternarrative
in lokalen Protesten gegen Geflüchtetenunterkünfte. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft
(Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratie und Geschlecht, Band 19. Jena, 164–175.
Schlagwörter:
Geschlecht und Migration, Sicherheitsdiskurse, kommunale Aushandlungen, Bürgerinitiativen

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 „DIE ANALYSE ZEIGT, DASS
DER SCHUTZ WESTLICHER
FRAUEN IN LOKALEN
PROTESTEN GEGEN
GEFLÜCHTETENUNTERKÜNFTE
ALS MORALISCHE
LEGITIMATIONSSTRATEGIE
GENUTZT WIRD, UM
MIGRATIONSPOLITISCHE
ABWEHR ALS VERTEIDIGUNG
VON SICHERHEIT,
GLEICHBERECHTIGUNG
UND LOKALER ORDNUNG
ERSCHEINEN ZU LASSEN.“
Sophia Fechter

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Thema und übergeordneter Diskurs
Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Oktober 2025 Kritik an seiner Aussage über ein „Problem im
Stadtbild“ mit dem Hinweis konterte, man solle „die Töchter fragen“, lässt sich dies als wichtiger
diskursiver Moment verstehen (Jäger et al. 2024, 222; Böhl 2025). Die Äußerung wurde medial und
politisch breit aufgegriffen, kommentiert und auf ein etabliertes Narrativ zugespitzt: Nicht mehr
nur die Sicherheitsrisiken städtischer Räume stand im Zentrum, sondern auch die Frage nach der
Schutzbedürftigkeit westlicher Frauen vor migrantischen Männern (Adamek 2025; Epstein 2025;
Kelle 2025; Schwarze 2025).
Die Verschränkung von Sicherheits-, Geschlech­
ter- und Migrationsdiskursen wird besonders
dort wirksam, wo der Schutz westlicher Frauen
zur Legitimation von Ausschluss- und Abwehr­
politiken dient. Yurdakul et al. (2018, 290–293)
zeigen, dass sexualisierte Gewalt durch männ­
liche Migranten an Straf- und Aufenthaltsrecht
gekoppelt werden: Wenn „fremde Männer“
deutsche Frauen gefährden, resultieren dar­
aus nicht nur strafrechtliche Fragen, sondern
auch migrationspolitische Konsequenzen. Farris (2017, 27 f.) zeigt, dass rechte Parteien in Europa,
die feministische Anliegen sonst häufig ablehnen, den Schutz westlicher Frauen dann betonen,
wenn migrationsfeindliche Positionen legitimiert werden sollen (vgl. hierzu auch die Beiträge von
Volk sowie von Meyer et al. in diesem Band). Zugleich macht sie deutlich, dass das Bild des nicht-
westlichen, muslimischen und patriarchalen „Anderen“ auch in neoliberalen und feministischen
Diskursen aufgegriffen wird, um migrationsbezogene Anliegen in Namen der Frauenrechten durch­
zusetzen (Farris 2017, 1–5).
Diese Strategien wirken, weil sie auf etablierte postkoloniale Deutungsmuster zurückgreifen,
die bis heute medial und politische reproduziert werden: Studien belegen, dass Migrant*innen,
Geflüchtete sowie der Islam im öffentlichen Diskurs vielfach über Sicherheits- und Misstrauens­
narrative als kriminell, rückständig oder bedrohlich markiert werden. Dabei erscheinen Geflüch­
tete in der medialen Darstellung oft als überwiegend homogene männliche Gruppe und werden
überproportional mit Gewalt- und Sexualdelikten verknüpft. Migrantische Stimmen bleiben meist
ausgeblendet (Drüecke 2016, 17–35; Hestermann 2025, 3; Maurer et al. 2021, 3–26; Van Berkum
et al. 2026, 12–15; Yurdakul et al. 2018, 289–290).
Die Verschränkung von Sicherheits-,
Geschlechter- und Migrationsdiskur­
sen wird besonders dort wirksam,
wo der Schutz westlicher Frauen zur
Legitimation von Ausschluss- und
Abwehrpolitiken dient.

Sophia Fechter
„Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“ – Geschlechternarrative in lokalen Protesten gegen Geflüchtetenunterkünfte
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Nach Jäger et al. (2024, 82–116) ist Wahrheit keine objektive Entdeckung, sondern eine historisch
variable diskursive Konstruktion, bei der Institutionen und Machtverhältnisse festlegen, welche Aus­
sagen Legitimität erhalten. Durch repetitive Reproduktion verfestigen sich mediale, politische und
alltägliche Zuschreibungen über nicht-westliche Migrant*innen als scheinbar selbstverständliches
Wissen. Eine zentrale Rolle spielen dabei diskursive Ereignisse, die Sagbarkeitsfelder qualitativ ver­
schieben (Jäger et al. 2024, 221–223). So überlagerte etwa nach der Kölner Silvesternacht 2015/16
eine Ethnisierung von Sexismus die vormalige Willkommenskultur: Sexualisierte Gewalt wurde als rein
importiertes Problem externalisiert, nicht-weiße Männer zu einer homogenen Tätergruppe konstruiert
und Forderungen nach Abschiebungen sowie Verschärfungen des Asylrechts gewannen an Gewicht
(Dietze 2016, 93–101; Drüeke 2016, 3–36; Yurdakul et al. 2018, 287–293; Jäger et. al 2024, 215–223).
Der Untersuchungsgegenstand
Diskurse operieren nach Jäger et al. (2024, 217–218) auf verschiedenen, sich gegenseitig durch­
dringenden Ebenen wie Politik, Medien und Alltag. Während politische und mediale Diskurse zur
Verflechtung von Migration, Sicherheit und Geschlecht häufig untersucht wurden, stehen kommu­
nale Aushandlungen seltener im Fokus – obwohl gerade dort Fragen des Zusammenlebens konkret
werden, etwa wenn geplante Geflüchtetenunterkünfte Gegenproteste in Form von Petitionen,
Demonstrationen oder Bürgerinitiativen (BI) auslösen.
Als überwiegend informelle, projektbezogene und ressourcenschwache Zusammenschlüsse sind
BI ein aufschlussreicher Untersuchungsgegenstand, da sie politischen Druck vor allem über öffent­
liche Mobilisierung erzeugen müssen (Bräuer 2020, 25–27; Mayer-Tasch 1985, 17). In Bezug auf die
moralische Legitimation der Unterkunftsablehnung liegt es daher nahe, dass sie auf bestehende
negative Wissensbestände über Geflüchtete zurückgreifen.
Für den vorliegenden Kontext wird die Frage ana­
lysiert, inwiefern BI gegen Geflüchtetenunterkünfte
auf Vorstellungen nicht-westlicher Männer als Bedro­
hung lokaler Frauen zurückgreifen und damit jene
Legitimationsstrategien der Abwehr im Namen des
Frauenschutzes reproduzieren, die politische und
öffentliche Diskurse vielfach prägen. Zugleich wird
untersucht, wie sich die BI dabei selbst verorten und
präsentieren. Die Analyse erfolgt anhand zweier Fall­
beispiele, in denen BI Geschlechternarrative nutzen, um geflüchtete Männer als Bedrohung lokaler
Es wird u. a. die Frage ana­
lysiert, inwiefern BI gegen
Geflüchtetenunterkünfte auf
Vorstellungen nicht-westli­
cher Männer als Bedrohung
lokaler Frauen zurückgreifen.

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Frauen zu markieren. Mithilfe der Kritischen Diskursanalyse (KDA) nach Jäger et al. (2024, 123–211)
werden die Textquellen auf sprachlich-rhetorische Mittel, Symbole, Binarismen, Normalitäts­
vorstellungen und Deutungshoheiten sowie auf Rückkopplungen an gesamtgesellschaftliche
Wissensbestände untersucht.
Initiativen und Standorte wurden anonymisiert. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf diskursive
Legitimationsstrategien und nicht auf eine Bewertung der konkreten Unterbringungsprozesse in
den einzelnen Gemeinden. Die Anonymisierung schützt lokale Kontexte und vermeidet eine Reich­
weitenverstärkung rechtsextremer Akteur*innen.
Fallbeispiel BI-A
BI-A wurde 2023 in einer hessischen Kommune gegründet, um eine geplante Großunterkunft zu
verhindern, und nach deren Realisierung noch im selben Jahr wieder aufgelöst. Die ausschließ­
lich in der Planungsphase aktive BI trat vor allem über eine Webseite und eine Online-Petition in
Erscheinung (Webseite BI-A; openPetition BI-A 2023). Für die KDA wird zunächst die Webseite als
zentrales Diskursfragment analysiert; anschließend werden Interviewaussagen einbezogen, die in
der Frankfurter Neuen Presse abgedruckt wurden (Seipel 2023).
Die Webseite ist schlicht aufgebaut und wenig bildreich. Im Zentrum steht ein Erklärungstext. Mög­
lichkeiten zur Interaktion oder Gegenrede fehlen. Das Kontaktformular ist anonymisiert und die
Sprecher*innen werden insgesamt nicht sichtbar.
Der Text beginnt damit, dass die BI sich zur „unpoliti­
schen“ und „neutralen“ Initiative erklärt und betont, sie
habe „nichts gegen Flüchtlinge aus Kriegsgebieten“; Schutz
für „schutzsuchende Familien“ sei „humanitäre Pflicht“
(Webseite BI-A). Im Anschluss an diese positive Selbstbe­
schreibung folgt die negative Kategorisierung der im Ort
erwarteten Geflüchteten. Diese werden als „Weltflücht­
linge“ beschrieben, die „aus sicheren Herkunftsländern“
kämen und damit als „Wirtschaftsflüchtlinge“ anzusehen seien. Daran anknüpfend folgert die BI:
„Der Begriff ‚Weltflüchtlinge‘ umschreibt hierbei, dass es sich bei den Menschen fast ausschließlich
um junge Männer aus muslimischen Herkunftsländern handelt.“ (Webseite BI-A) Die Aufnahme wird
als direkte Bedrohung für die Sicherheit im Ort gezeichnet: „Sollte der Bau tatsächlich genehmigt
werden, entsteht in dem bisher noch idyllischen Ort ein Brennpunkt.“ (Webseite BI-A)
Im Anschluss an eine
positive Selbstbeschrei­
bung folgt die negative
Kategorisierung der im Ort
erwarteten Geflüchteten.

Sophia Fechter
„Die Sicherheit unserer Frauen steht auf dem Spiel“ – Geschlechternarrative in lokalen Protesten gegen Geflüchtetenunterkünfte
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Das „Wir“ erscheint humanitär, nüchtern, neutral und verantwortungsvoll („humanitäre Pflicht“),
während das „Sie“ als gefährlich, unpassend und abwehrbedürftig markiert wird („Weltflüchtlinge“,
„Wirtschaftsflüchtlinge“). Verstärkt wird diese Gegenüberstellung durch das Kollektivsymbol des
„Brennpunkts“. Die Bezeichnung ruft Vorstellungen von sozialen Problemen und Kriminalität auf. Der
„idyllische Ort“ fungiert als positives Gegensymbol für Ordnung und Normalität. So entsteht ein sym­
bolischer Innenraum, der als schutzwürdig und zugleich bedroht erscheint (Jäger et al. 2024, 186–187).
Die Betonung „muslimischer Männer“ aktiviert etablierte mediale und politische Deutungen, in denen
Islam und nicht-westliche Männlichkeit mit Patriarchalität und Bedrohung verknüpft werden.
Im nächsten Absatz wird argumentiert, dass Geflüch­
tete aufgrund „von verschiedenen Religionen und/oder
Geschlechtern“ getrennt würden, um „Streitigkeiten
oder Übergriffe“ zu vermeiden, aber „wir gesellschaft­
lich in den vergangenen Jahren eines besseren belehrt“
wurden (Webseite BI-A). Diese vermeintliche „Belehrung“
lässt das „Wir“ als ehemals naiv, nun jedoch desillu­
sioniert und wissend erscheinen. Geflüchteten wird
kollektiv unterstellt, die Erwartung eines friedlichen,
regelkonformen Zusammenlebens enttäuscht und Vertrauen verspielt zu haben. So konstruiert die
BI eine Solidargemeinschaft mit der Leserschaft und aktiviert ein vermeintlich geteiltes negatives
Alltagswissen (Jäger et al. 2024, 83–93). Darauf folgt: „in den meisten Groß- und Kleinstädten trauen
sich junge Frauen, aus Angst vor Übergriffen, nicht mehr alleine auf die Straße“ (Webseite BI-A