Julia Enxing Prozesstheologie – Eine Einführung Bochum; Relationale Interaktion Gottes mit Welt als Kerngedanke
Bistum Eichstätt: „Liebevolles Locken und Überzeugen“: Wie Gott in der Welt wirkt
„Liebevolles Locken und Überzeugen“: Wie Gott in der Welt wirkt
Der brennende Dornbusch ist eines der bekanntesten Bilder des Alten Testaments und wird oft in Kunst, Literatur und Theologie aufgegriffen. Mose begegnet Gott und will wissen, was er den Israeliten auf die Frage antworten solle, wer ihn gesandt habe. Gott antwortet: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Der ‚Ich-bin‘ hat mich zu euch gesandt“ ( Ex 3,14 ). Es ist die einzige Stelle einer Selbstbeschreibung Gottes in der Bibel.
Die Theologin Julia Enxing greift diese Bibelstelle in ihrem neuen Buch „ Prozesstheologie – Eine Einführung “ auf und deutet „Ich-bin“ (in manchen Übersetzungen „Ich-bin-da“) als einen weltzugewandten Gott: „G:tt ist uns und der gesamten Schöpfung nahe, steht mit allem in Beziehung. Wer mit allem in Beziehung steht, muss aber auch sehr flexibel sein, verändert andere und lässt sich verändern“, schreibt sie. Der Glaube an einen höchst sozialen Gott gehört zu den Kernaussagen der Prozesstheologie. Mit der Schreibweise „G:tt“ knüpft Enxing an die jüdische Tradition an, die den Gottesnamen aus Respekt nicht ausspricht (jiddisch
hebräisch „G’tt“, das Tetragramm JHWH) und ihn folglich auch nicht ganz ausschreibt. Zitate aus dem Buch werden deshalb in diesem Beitrag in der dortigen Schreibweise wiedergegeben.
Enxing, Professorin für Fundamentaltheologie an der Ruhr-Universität Bochum, gehört zu den wenigen Theologinnen und Theologen in Deutschland, die sich mit der Prozesstheologie befassen. Diese Denkrichtung entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA und geht zurück auf den britischen Philosophen und Mathematiker Alfred North Whitehead (1861-1947) sowie seinen Schüler und späteren Kollegen Charles Hartshorne (1897-2000). Whitehead entwarf in seinem Werk „Process and Reality“ (1929) eine „Philosophie des Organismus“. Seine Grundidee ist, dass jedes Ereignis durch seine Beziehungen zu anderen Ereignissen gebildet wird. Demnach sind Wesen und Dinge nicht fertige Substanzen, sondern entstehen aus Beziehungen. Hartshorne erarbeitete das philosophische Konzept eines „dynamischen Gottes“, der in Interaktion mit allen Ereignissen der Welt steht. Damit erweiterten beide das „klassische“ Bild von Gott als „unbewegten Beweger“, also von einem Gott, der selbst unberührt bleibt, aber alles bewegt, wie ihn etwa der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin verstand.
Die Prozesstheologie nimmt laut Enxing an, dass Gott ein wandelbares, das heißt ein „prozessfähiges Wesen ist, von höchster Flexibilität bei gleichzeitig gerade darin begründeter Stabilität“. Weitere Annahmen sind, dass Gott berührbar ist und sich berühren lässt, sowie dass die Welt Teil Gottes und Gott das höchste Wesen ist. Prozesstheologinnen und -theologen nehmen an, dass Gott die Welt nicht nur bewegt, sondern sich auch von der Welt bewegen und verändern lässt. Des Weiteren verfügt Gott ihrer Ansicht nach über größtmögliches Wissen und größtmögliche Macht, ohne allwissend und allmächtig zu sein. Gott stehe in einer wechselseitigen Beziehung zur Welt, sei also „im höchsten Maße relational und resonanzfähig“. Diese „Basisannahmen“ zu Gottes Eigenschaften erklärt Enxing in ihrem Buch. Jedes Kapitel beginnt mit einem oder mehreren Zitaten aus der Bibel, die als Einstimmung auf das jeweilige Thema dienen.
Die Annahme, dass Gott das soziale Wesen schlechthin ist, gründet auf einer Aussage aus dem ersten Brief des Evangelisten Johannes: „Gott ist Liebe“ ( 1Joh 4,16 ). Daraus folgert Enxing:
Wenn G:tt Liebe und Beziehung ist, dann heißt das: G:tt lebt in einer Liebesbeziehung zu G:ttes Schöpfung.“
Da wir Menschen Teil dieser Beziehung sind, erklärt sie weiter, ist ein Leben in und mit Gott in dieser Beziehung ebenfalls als Liebesbeziehung zu verstehen. Liebe ereigne sich gerade im Dazwischen, in der Beziehung zum anderen. Beschreibe man die Beziehung zu Gott als Liebesbeziehung, entspreche das dem Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken“ (Mt 22,37).
Gottes Liebe sowie sein Status als höchstes Wesen, seine Treue, Güte und Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und so weiter sind für die Prozesstheologie – wie auch für andere Theologien – unveränderbare Eigenschaften Gottes. „Sie sind nicht durch die Welt beeinflussbar, sie sind absolut“, betont Enxing. Die Art und Weise, wie sie sich konkret in der Welt zeigen, sei jedoch relativ. Gott als Beziehungswesen zu denken, bedeute, dass seine Eigenschaften in der Interaktion mit der Welt nicht unberührt bleiben.
Die Welt als „Körper Gottes“
Wie der Apostel Paulus mit dem Bild des Körpers und seiner Glieder das Verhältnis der Getauften zu Christus erläutert, so beschreibt die Prozesstheologie die Welt als „Körper Gottes“. Gott und die Welt bilden eine Einheit, die aus einer Vielzahl von Entitäten (das heißt „Seiende“ – also alles, was in irgendeiner Weise „ist“ oder existiert) und deren Beziehungen besteht. „G:tt ist dabei stets größer als die Welt, G:tt und die Welt sind eine Einheit, nicht jedoch identisch. […] G:tt ist in der Welt präsent (immanent) und übersteigt sie zugleich (transzendent)“, erklärt Enxing. In der Fachsprache wird diese Form der Gott-Welt-Beziehung als „Panentheismus“ („alles [ist] in Gott“) bezeichnet, was nicht mit „Pantheismus“ („alles [ist] Gott“) zu verwechseln ist.
Geht man davon aus, dass die Welt der „Körper Gottes“ ist, dann, so die Theologin weiter, macht es nicht nur für die Welt, sondern auch für Gott einen Unterschied, wie es diesem Körper geht:
Das Auslöschen der Arten bedeutet damit nichts anderes als ein Auslöschen der Vielfalt G:ttes und der Offenbarungsmöglichkeiten G:ttes.“
Dies habe auch Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika „ Laudato si ‘“ angemahnt: „Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen, noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht.“
Im Mittelpunkt der Prozesstheologie steht die Vorstellung, dass Gott ständig mit seiner Schöpfung interagiert. Dabei hat alles, was existiert – vom Atom bis zum Menschen – Macht und Strebevermögen. Diese stehen in Wechselwirkung mit dem Handeln Gottes, sodass nicht nur die Welt im Werden begriffen ist, sondern auch „Gott ein Gott im Werden“ ist. Gott, so Enxing, lenkt die Schöpfung hin zur Erhöhung der Harmonie und des Guten in ihr. Gottes Einflussnahme auf die Geschöpfe geschieht aus prozesstheologischer Sicht durch ein „liebevolles Überzeugen und Locken“, nicht durch Zwang.
Die Macht Gottes liegt demnach in seiner Liebe und Empathie:
Die Liebesmacht G:ttes übertrifft alles, was wir uns an Liebe oder Macht vorstellen können“, schreibt Enxing.
Gott wirke jedoch partnerschaftlich, trete nicht die Tür ein, sondern klopfe an, wie es in der Bibel heiße, damit die Geschöpfe am göttlichen Plan mitwirken. Dadurch werde jedes Geschöpf zum „Mit-Schöpfer“ und zur „Mit-Schöpferin“ im fortlaufenden Schöpfungsprozess.
Gottes Macht ist prozesstheologisch gesehen insofern größtmöglich, als kein Wesen Gott übersteigt, allerdings ist es eine Macht im Zusammenspiel mit unendlich vielen Mächten: „G:tt kann nicht einseitig (im Sinne eines Alleingangs) ins Weltgeschehen eingreifen. Unheil kann daher nicht in jedem Fall verhindert werden“, so Enxing.
Die Aussage, dass Gott nicht einseitig ins Weltgeschehen eingreifen kann, spricht das sogenannte „Theodizee-Problem“ an, die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids in der Welt. Die Prozesstheologie antwortet wie folgt:
Gottes Macht und Wissen sind stets größtmöglich, dennoch verfügen alle Entitäten über eigene Strebemächte. Dadurch kommt es zu Situationen, in denen die Eigendynamik der Entitäten Gottes Macht übersteigt und der göttliche Wille nicht durchgesetzt werden kann“.
Andere Theologien argumentieren beispielsweise, Gott greife nicht ein, um die Willens- und Handlungsfreiheit der Geschöpfe (auch zum Bösen) zu wahren oder die Menschen durch das Leid zu prüfen. Die Prozesstheologie führt laut Enxing einen anderen Grund an: „Gott kann das Leid nicht immer verhindern, weil ein einseitiges Eingreifen in eine Schöpfung, die einzig durch Interaktion (also Beidseitigkeit) gekennzeichnet ist, nicht möglich ist“, erklärt sie in einem Beitrag in der Herder Korrespondenz . Nur eine so verstandene Gott-Welt-Beziehung könne eine widerspruchsfreie Antwort auf das Theodizee-Problem geben: „Mehr noch, da die Welt in Gott ist, betreffen alle Ereignisse der Welt Gott unmittelbar.“ Whitehead beschrieb Gott deshalb als „den Mitleidenden, den Leidensgefährten, der versteht“ (the fellow-sufferer who understands).
Gott „versteht“ uns, doch er bleibt uns ein Mysterium, ein Geheimnis. Daran ändert auch die Prozesstheologie nichts. Sie erhebt auch nicht den Anspruch zu sagen, wie Gott wirklich ist. „Wir können von G:tt nur in Metaphern sprechen, nur in Bildern, in Annahmen, in Vorläufigkeiten“, schreibt Enxing in ihrem Buch:
Kein G:ttesbild vermag die Wirklichkeit G:ttes einzufangen oder vollständig abzubilden.“
Es gehe vielmehr darum, sich auf eine lebenslange Suche zu begeben. Die Prozesstheologie versteht sich dabei als Denk- und Gesprächsangebot. Das macht die Autorin auch im Aufbau ihres Buches deutlich: Zusammenfassungen, Exkurse, Leitfragen und die Einbeziehung kritischer Einwände regen zur Reflexion und Diskussion an.
Im Gespräch mit Gott am Dornbusch bereitet sich Mose darauf vor, den Israeliten Rede und Antwort zu stehen. Christinnen und Christen haben heute eine ähnliche Aufgabe, wie es im ersten Petrusbrief heißt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ ( 1Petr 3,15 ). Dabei kommt es darauf an, wie wir von Gott sprechen, was nicht einfach ist, wie Enxing beschreibt: „Wer von der Glaubensgewissheit und Glaubenshoffnung erzählen möchte, die ihn:sie trägt, muss über eine Sprachkompetenz und Argumentationsfähigkeit verfügen, die es ermöglicht, die eigenen Gründen für den Glauben an G:tt und an eine bestimmte Vorstellung dieses G:ttes verständlich und insofern nachvollziehbar und anfragbar anzuführen.“ Wer sich auf das Bild eines mit der Welt mitfühlenden und lockenden Gottes einlässt, findet in der Prozesstheologie Inspiration für den eigenen Glauben und Argumente für eine zeitgemäße Rede von Gott.
Enxing, Julia: Prozesstheologie – Eine Einführung . Karl-Alber-Verlag, 2026. Preis: 19,90 Euro. ISBN: 978-3-495-98905-0
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Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit