Kanadische Bischöfe veröffentlichen Grundsatzpapier zur Evangelisierung in Kanada; Begegnung mit Christus statt Programmfokus
Mission in einem Land ohne Selbstverständlichkeiten
Mission in einem Land ohne Selbstverständlichkeiten
Regensburg, 16. September 2026 Kanadische Bischöfe beschäftigen sich mit Mission. Das Land hat eine radikale Säkularisation hinter sich. Der Fokus der Bischöfe richtet sich auf die Begegnung der Menschen mit Christus, der von sich sagt: „Ich bin die Wahrheit“. Die katholischen Bischöfe Kanadas haben am 14. September ein neues Grundsatzpapier zur Evangelisierung veröffentlicht. Das Dokument trägt den Titel „The Evangelizing Mission of the Church in Canada“ und richtet sich ausdrücklich an eine Gesellschaft, in der christlicher Glaube nicht mehr selbstverständlich ist. Ausgangspunkt ist die Frage des Pontius Pilatus an Jesus: „Was ist Wahrheit?“. Die Bischöfe antworten darauf nicht mit einem Programm oder einer Strukturreform. Sie stellen eine Person in die Mitte. Jesus Christus, so die kanadischen Hirten, sei nicht nur Träger einer Wahrheit. Er sei die Wahrheit selbst. Evangelisierung bedeute deshalb nicht zuerst, eine Idee weiterzugeben, sondern Menschen mit Christus in Berührung zu bringen.
Herausgegeben wurde das Papier von der Kommission für Glaubenslehre der Kanadischen Bischofskonferenz. Es erschien am 14. September, dem Fest Kreuzerhöhung. Die Bischöfe knüpfen ausdrücklich an große missionarische Texte der Kirche an, vom Konzilsdekret „Ad Gentes“ über „Evangelii Nuntiandi“ von Paul VI. und „Redemptoris Missio“ von Johannes Paul II. bis zu „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus. Der gesellschaftliche Hintergrund ist deutlich. Kanada gehört zu den westlichen Ländern, in denen die Bindung an das Christentum in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen ist. Nach Daten von Statistics Canada bezeichneten sich 2001 noch 77,1 Prozent der Bevölkerung als Christen. 2021 waren es nur noch 53,3 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Menschen ohne religiöse Zugehörigkeit von 16,5 auf 34,6 Prozent. Fast jeder dritte Einwohner Kanadas bezeichnete sich 2021 als katholisch. Zugleich erklärte mehr als jeder Dritte, keiner Religion anzugehören oder eine säkulare Weltanschauung zu vertreten.
In einzelnen Regionen ist die Entwicklung noch weiter fortgeschritten. In British Columbia gaben 2021 bereits 52,1 Prozent der Bevölkerung an, keiner Religion anzugehören. Im Yukon waren es 59,7 Prozent. Die kanadische Kirche lebt in einer Gesellschaft, in der Millionen Menschen mit kirchlicher Sprache, Liturgie oder christlicher Lehre kaum noch vertraut sind.
Das neue Papier beginnt deshalb nicht mit Strukturfragen. Wie Pfarreien organisiert oder pastorale Räume zugeschnitten werden sollen, ist nachrangig. Die Frage des Pilatus „Was ist Wahrheit?“ sei auch heute zentral. Dahinter stünden weitere Fragen. Gibt es dauerhafte Maßstäbe für das Leben? Gibt es richtig und falsch? Wer bin ich? Wozu lebe ich?
Die Bischöfe beschreiben eine Gesellschaft, in der viele Menschen Wahrheit für unerkennbar halten oder nur noch von „deiner Wahrheit“ und „meiner Wahrheit“ sprechen. Diese Haltung, so das Papier, befreie den Menschen nicht. Sie zwinge ihn vielmehr dazu, Bedeutung, Identität und Lebenssinn selbst herstellen zu müssen. Die Bischöfe verschieben daher die Frage. Aus „Was ist Wahrheit?“ wird „Wer ist die Wahrheit?“. Christus selbst sage von sich: „Ich bin die Wahrheit“. Dabei greifen die Bischöfe einen bekannten Gedanken Papst Benedikts XVI. auf. Christsein beginne nicht mit einer ethischen Entscheidung oder einer großen Idee, sondern mit der Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die dem Leben eine neue Richtung gibt.
Daraus leiten sie den missionarischen Auftrag ab. Wer Christus kenne, sehe sich selbst und die Welt in einem anderen Licht. Diese Erfahrung könne nicht für sich behalten werden. Die Kirche müsse deshalb wieder selbstverständlich davon ausgehen, dass die Verkündigung des Evangeliums zu ihrem Wesen gehört.
Mission sei keine Sonderaufgabe einiger Priester, Ordensleute oder hauptamtlicher Mitarbeiter. Jeder Katholik sei auf seine Weise beteiligt. Die Bischofskonferenz spricht ausdrücklich von den alltäglichen Orten des Zeugnisses. Familie, Arbeitsplatz, Freundeskreis und gesellschaftliches Leben werden damit zu Missionsorten.
Das Papier behandelt zugleich einen Einwand, der in einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft schnell erhoben wird. Ist Mission nicht der Versuch, anderen Menschen die eigene Überzeugung aufzudrängen? Die kanadischen Bischöfe ziehen hier eine klare Grenze. Manipulation, Zwang und Druck widersprechen der Evangelisierung. Der Glaube müsse frei angenommen werden. Sie berufen sich auf Paul VI., der bereits vor mehr als fünfzig Jahren zwischen Aufdrängen und Anbieten unterschied.
Diese Passage ist für Kanada besonders bedeutsam. Das Land führt seit Jahren intensive Debatten über das Verhältnis von Kirche, Staat, indigenen Gemeinschaften und der Geschichte christlicher Einrichtungen. Die residential schools, in denen indigene Kinder über Jahrzehnte auch von katholischen Orden betreut wurden, gehören zur schwierigen Vergangenheit des Landes. Die Bischöfe räumen ein, dass Missionare von Neubekehrten in der Geschichte mitunter verlangt hätten, nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch europäische kulturelle Formen zu übernehmen. Das sei falsch gewesen. Christus gehöre keiner einzelnen Kultur oder Nation.
Die Kirche muss missionieren und zugleich Mission von kultureller Beherrschung unterscheiden. Die Bischöfe sagen nicht, dass das Evangelium sich jeder Kultur einfach anpassen müsse. Sie sagen, Christus zerstöre Wahrheit und das Gute in einer Kultur nicht. Er reinige und erhöhe sie. Mission soll deshalb nicht Menschen entwurzeln, sondern ihnen Christus zeigen.
Die Botschaft des Evangeliums werde nicht deshalb gebraucht, weil die Kirche Mitgliederzahlen verbessern müsse. Sie werde gebraucht, weil Menschen nach Sinn, Hoffnung, Freiheit und Zugehörigkeit suchten. Diese Unterscheidung zieht sich durch das ganze Papier. Evangelisierung soll nicht zum kirchlichen Rettungsprogramm werden. Es geht nach Auffassung der Bischöfe nicht darum, Institutionen durch neue Mitglieder zu stabilisieren. Es geht darum, Christus zu verkünden, weil Menschen ein Recht darauf hätten, von ihm zu hören.
Die kanadische Bischofskonferenz arbeitet zugleich an neuen Angeboten für Migranten und Flüchtlinge und an Materialien für Familien, Jugend und Katechese. Das Evangelisierungspapier steht deshalb nicht allein. Es fügt sich in den Versuch ein, die Kirche in Kanada wieder stärker als missionarische Gemeinschaft zu verstehen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Christus in einer Gesellschaft neu verkündet werden kann, die ihn vielerorts nicht mehr kennt. Genau darin liegt der missionarische Kern des Dokuments. Evangelisierung beginnt nicht dort, wo die Kirche wieder groß wird. Sie beginnt dort, wo ein Christ einem anderen Menschen glaubwürdig sagen kann, wem er begegnet ist.
Text: Peter Winnemöller Foto: Shutterstock
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