Kakaoproduzent*innen in Milagro, Ecuador; Forscherteam dokumentiert Lebensrealität und Klimarisiken; belasten Ernte und Markt

Vom Feld in die Forschung: Einblicke in den Kakaoanbau in Ecuador

Leitung, Organisation + Rechtliche Grundlagen

Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften BFH-HAFL

Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen EHSM

Einblicke in den Kakaoanbau in Ecuador

Vom Feld in die Forschung: Einblicke in den Kakaoanbau in Ecuador

17.09.2026 Kakaoplantagen folgen einem langsamen Rhythmus. Die Bäume überleben nicht selten die Menschen, die sie einst gepflanzt haben. Die Bohnen, die an Orten wie Milagro in Ecuador angebaut werden, gelangen schliesslich in den globalen Schokoladenhandel und erreichen Länder wie die Schweiz, wo Schokolade zum Alltag gehört. Ecuador ist nach wie vor ein wichtiger Kakaolieferant für den Schweizer Markt. In Milagro gerät dieser Rhythmus jedoch zunehmend unter Druck: durch den Klimawandel, wachsende Unsicherheit und eine junge Generation, die sich fragt, ob sie bleiben möchte. Im Rahmen ihrer Arbeit an der BFH besuchte die Dozentin und Forscherin Maria Franco die Produzentinnen von ASOPROCARGO. In diesem persönlichen Bericht schildert sie, was die Bäuerinnen und Bauern über ihren Arbeitsalltag und ihre Sorgen um die Zukunft erzählt haben. Ihre Erfahrungen fliessen in Lehre und Forschung zu nachhaltigem Kakao, zirkulären Wertschöpfungsketten und Lösungen ein, die gemeinsam mit den Produzentinnen entstehen – und nicht über ihre Köpfe hinweg.

Gemeinsam mit Christine Jurt (BFH-HAFL) und zwei Kolleginnen der Universität Guayaquil verbrachte Maria Franco (BFH-TI) einen Tag mit 15 Kakaoproduzentinnen in Milagro, Ecuador. Im Mittelpunkt standen ihre Lebensrealität, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen.

Der Besuch war Teil einer von der BFH geförderten transdisziplinären Forschungsplattform , auf der Studierende lernen, Lösungen aus sozialen, technischen und ethischen Perspektiven gemeinsam zu entwickeln.

Die Produzent*innen verwerten bereits heute Kakaoreststoffe wie Fruchtfleisch und Schalen weiter. Dabei konnten sie praktische Einblicke in zwei Möglichkeiten gewinnen: Saft bzw. Konzentrat aus Fruchtfleisch und Pflanzenkohle (Biochar) aus Kakaoschalen.

Zu Besuch bei den Produzent*innen von ASOPROCARGO

Gemeinsam mit Christine Jurt (BFH-HAFL) und unseren Kolleginnen der Universität Guayaquil, Michelle Viera und Fanny Jaramillo, trafen wir uns im Rahmen einer Exkursion mit 17 Kakaoproduzent*innen in Milagro, Ecuador. Der Besuch war Teil unseres Projekts zur transdisziplinären Forschungsplattform . Die frei zugängliche Plattform wird vom Themenschwerpunkt Nachhaltige Entwicklung der BFH und der Swiss Platform for Sustainable Cocoa im Rahmen ihrer Initiative SWISSCO Peer Learning and Collaboration Projects mitfinanziert.

Die Plattform soll Bachelor- und Masterstudierende in der Schweiz und international dabei unterstützen, gemeinsam Antworten auf komplexe gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln und dabei transdisziplinäre Perspektiven einzunehmen. Die Plattform befindet sich derzeit im Aufbau und soll Studierende dazu anregen, komplexe Fragestellungen gleichzeitig aus sozialen, technischen, wirtschaftlichen und ethischen Perspektiven zu betrachten. Die Kakaowertschöpfungskette dient dabei als erster Anwendungsfall.

Von Guayaquil, der grössten Stadt Ecuadors, dauert die Fahrt nach Milagro, einem der wichtigsten Kakaoanbaugebiete des Landes, etwa eineinhalb Stunden. Unterwegs fuhren wir an Reisfeldern und Bananenplantagen vorbei, bevor wir die Kakaofelder rund um Milagro erreichten. Auf dem Weg zu ASOPROCARGO, dem lokalen Verband von Kakao- und Landwirtschaftsproduzenten, überquerten wir eine schmale Hängebrücke über den Río Milagro. Diese zehn Sekunden Adrenalin waren der perfekte Einstieg und sorgten für einen gut gelaunten Start in den Tag.

Die Produzent*innen empfingen uns herzlich. 17 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, allesamt aus nahe gelegenen Kakaobetrieben, waren zusammengekommen, um sich mit uns auszutauschen.

Mit Zustimmung der Produzent*innen teilten wir uns zu Beginn des Tages in vier Kleingruppen auf. An jedem Tisch moderierte eine Person aus unserem Team das Gespräch, während wir die Diskussionen aufzeichneten sowie Notizen und Fotos machten. Wir luden die Bäuerinnen und Bauern ein, sich vorzustellen und über ihre Betriebe, ihren Arbeitsalltag und ihre Familien zu erzählen. Im Austausch wurden bald übergeordnete Themen sichtbar: Wasser und Bewässerung, Klimaschwankungen, Sicherheit, die Weitergabe von Wissen über Generationen hinweg, Marktzugang, Preise und vieles mehr.

Ausserdem führten wir eine kurze Übung zum Thema «Risikennetzwerk» mit farbigen Karten und einem Flipchart durch. Wir stellten zwei einfache Fragen: Was bereitet Ihnen im Hinblick auf die Zukunft des Kakaoanbaus Sorgen? Und was gibt Ihnen Hoffnung?

Die Sorgen waren sehr konkret – und zugleich schwer anzuhören. Unsicherheit und Erpressung sind inzwischen so gravierend, dass einige Produzent*innen ihre Kakaoschoten ernten, bevor sie vollständig reif sind. Sie nehmen dabei eine geringere Qualität in Kauf, um Diebstahl zu verhindern. Sie berichteten von Trockenheit, Krankheiten an den Kakaoschoten und den Auswirkungen eines sich verändernden Klimas. Viele machten sich auch Sorgen, dass ihre Kinder in die Stadt oder ins Ausland ziehen könnten – nicht, weil ihnen das Land egal wäre, sondern weil sie unsicher sind, ob die Landwirtschaft unter diesen Bedingungen eine Zukunft bieten kann.

Ihre Hoffnungen richten sich auf formell anerkannte Produzentenorganisationen, direkte Beziehungen zu Abnehmern statt über Zwischenhändler, faire Preise und eine gute Lebensqualität.

Wir sprachen auch darüber, wie sie die Möglichkeiten einschätzen, Kakaofruchtfleisch zu Saft oder Konzentrat weiterzuverarbeiten und Kakaoschalen zu Pflanzenkohle (Biochar) aufzuwerten. Dabei handelt es sich um eine stabile, kohlenstoffreiche Bodenverbesserung, die durch das Erhitzen organischer Materialien unter Sauerstoffausschluss entsteht. Die Produzent*innen stellten praktische Fragen zu beiden Möglichkeiten: Was würde das konkret von uns verlangen? Und was bekommen wir dafür zurück?

Mehrere Bäuerinnen und Bauern hatten bereits informelle Erfahrungen mit diesen Nebenprodukten gesammelt. Einige hatten Asche aus verbrannten Kakaoschalen ausprobiert und den Eindruck gewonnen, dass ihre Kakaoschoten danach kräftiger waren. Andere stellten bereits kleine Mengen Fruchtfleisch-Gelee zu Hause her und verkauften es gelegentlich an Nachbar – bisher jedoch nicht als Business.

Neben den Gruppengesprächen besuchten wir auch Kakaoproduzent*innen auf ihren Farmen, um Einzelinterviews zu führen. Ein persönliches Highlight dieser Gespräche war für mich die Vielfalt der Pflanzen, die zwischen den Kakaobäumen wachsen: Orangen, Kochbananen, Papaya, Achiote, Yuca und weitere Nutzpflanzen, die für den Eigenbedarf angebaut und bei einem Überschuss verkauft werden.

Die Besuche auf den Farmen boten uns zudem die Gelegenheit, uns in einer persönlicheren Atmosphäre mit den Bäuerinnen und Bauern auszutauschen. Sie erzählten beispielsweise von einer Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt und in der die Farmen für Besucherinnen offener waren. Bevor die Unsicherheit zu einem ständigen Thema wurde, hatten einige Familien neben dem Kakaoanbau kleine Angebote im Agrotourismus aufgebaut: Touristinnen kamen, um durch die Farmen zu spazieren, die verschiedenen Kulturen kennenzulernen und mehr darüber zu erfahren, wie Kakao angebaut und geerntet wird. Für einige Familien bedeutete dies eine zusätzliche Einkommensquelle und die Möglichkeit, ihr Wissen über den Kakaoanbau direkt mit Besucher*innen zu teilen.

Heute lassen sich viele dieser Aktivitäten aufgrund der Sicherheitslage jedoch nur noch schwer aufrechterhalten. Insgesamt ermöglichten uns die Einzelinterviews, gezielt nachzufragen und Themen, die in den Gruppengesprächen aufgekommen waren, vertieft zu beleuchten.

Ein Teil der technischen Grundlagen für die beiden Ansätze zur Verwertung von Kakaofruchtfleisch und Kakaoschalen ist bereits in unserem früheren Bericht Beyond the Bean beschrieben. Was wir in Milagro in den Gruppengesprächen und Einzelinterviews erfahren haben – die Risiken und Hoffnungen, die wir auf dem Flipchart festgehalten haben – werden nun direkt in unser Lehrprojekt der Transdisziplinären Forschungsplattform einfliessen. Gleichzeitig werden die Erkenntnisse in ein neues Forschungs- und Innovationsprojekt zu Pflanzenkohle aus Kakao einfliessen, das wir derzeit entwickeln. Ausgangspunkt sind dabei die Erfahrungen und Bedürfnisse der Produzent*innen – und nicht allein die Möglichkeiten der Technologie.

Ein grosses Dankeschön geht an die Produzent*innen, die sich Zeit für uns genommen und offen über die Herausforderungen, aber auch über die Würde ihrer Arbeit gesprochen haben. Wenn Forschung zu zirkulären Wertschöpfungsketten im Kakao einen sinnvollen Beitrag leisten soll, muss sie auf der Kakaofarm beginnen – und nicht allein im Hörsaal einer Universität. Lösungen müssen gemeinsam gedacht und entwickelt werden.

Unser abschliessender Dank gilt auch Producer Plus , unserer Partner-NGO, die diese Begegnungen sowohl logistisch als auch administrativ ermöglicht hat.

Prof. Dr. Maria Franco Mosquera

+41 32 321 64 28

Dr. Christine Jurt Vicuña Muñoz

+41 31 910 29 50

Beyond the Bean Report (auf Englisch) (PDF, 6 MB)

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