Prediger erklärt Loslassen im Herbst; Loslassen führt zu neuem Leben durch Gott
GG 26-3-Entwurf.cdr
September bis November 2025 September bis November 2025 Gemeindewahlen 2027 Seite 6 Fahrrad-Ausflug Seite 8 Tauffest am Möllersee Seite 9 Kindergottesdienst Seite 7 Gemeindeversammlung Seite 5
ANDACHT ANDACHT 2 3 Wenn die Blätter fallen – Eine Andacht zum Herbst Der Herbst ist die Jahreszeit der Reife, aber auch des Abschieds. „Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Rainer Maria Rilke beginnt sein Gedicht „Herbsttag“ mit den Worten: Der Herbst erinnert uns daran. Nicht mit einem lauten Ruf, sondern auf seine eigene, beharrliche Weise. Das Licht wird weicher. Die Schatten werden län- ger. Morgens liegt Nebel über den Fel- dern, und in den Gärten hängen die letzten Früchte an den Zweigen. Die Blätter verändern ihre Farbe, als woll- ten sie noch einmal zeigen, welche Schönheit in ihnen verborgen war, bevor sie fallen. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, heißt es im Buch des Predi- gers. In diesem einen Satz liegen Dankbarkeit und Wehmut. Der Sommer war groß. Er Vielleicht berührt er uns deshalb tiefer als andere Jahreszeiten. Der Frühling verspricht einen Anfang. Der Sommer steht für Fülle und Kraft. Der Winter zieht sich in die Stille zurück. Im Herbst aber liegen Fülle und Vergänglichkeit unmittelbar nebeneinander. Die Äpfel sind reif, während die Blätter schon fallen. Die Ernte wird eingebracht, wäh- rend die Tage kürzer werden. Schönheit und Abschied gehören zusammen. Aber die Zeit fragt nicht nach unserer Zustimmung. Sie geht weiter. Men- schen verändern sich. Beziehungen wandeln sich. Kräfte lassen nach. Man- ches, was uns lange Halt gegeben hat, müssen wir irgendwann aus der Hand geben. „Herr: Es ist Zeit.“ war schön. Er war erfüllt. Aber er bleibt nicht. Es ist Zeit, ihn loszulassen. Der Herbst widerspricht der Vorstel- lung, wir könnten das Leben unbe- grenzt festhalten. Er sagt uns: Du bist ein Geschöpf. Deine Zeit ist nicht gren- zenlos. Auch du kannst nicht immer Sommer haben. Das klingt zunächst traurig. Und doch liegt darin eine heilsame Wahrheit. Denn erst wenn wir begreifen, dass unsere Zeit begrenzt ist, beginnen wir vielleicht, sie wirklich zu achten. Vielleicht ist das ein Satz, den wir selbst nur schwer sprechen. Denn wir möchten die Zeiten unseres Lebens lieber festhalten. Wir möchten be- stimmen, wann etwas beginnt und wann es endet. Wir möchten den Augenblick bewahren, in dem alles gut war: Die Kinder noch klein, die Eltern noch gesund, die vertrauten Menschen noch an unserer Seite, die eigenen Kräfte noch selbstverständ- lich. Im 90. Psalm betet Mose: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Jesus greift ein Bild aus der Natur auf und gibt ihm eine überraschende Tiefe: Loslassen ist nicht dasselbe wie weg- werfen. Der Baum wirft seine Blätter nicht ab, weil sie bedeutungslos wären. Sie haben Licht aufgenommen, Schat- ten gespendet und zum Leben des Bau- mes beigetragen. Aber nun ist ihre Zeit erfüllt. Manches Loslassen ist schmerzhaft. Nicht alles gelingt uns leicht oder frei- willig. Doch der Glaube lädt uns ein, das, was wir aus der Hand geben müs- sen, in Gottes Hand zu legen. Jesus spricht mit diesem Bild zunächst von sich selbst. Er geht den Weg ans Kreuz. Er gibt sein Leben hin. Er wird in ein Grab gelegt. Für seine Jünger sieht es so aus, als sei alles vorbei. Aber aus seinem Tod wächst neues Leben. Am Ostermorgen zeigt Gott: Der Tod ist nicht das Ende. Das Grab behält nicht, was ihm anvertraut wurde. Der Prediger sagt nicht nur: Alles ver- geht. Er sagt: Alles hat seine Zeit. Das ist ein Unterschied. Unser Leben besteht nicht aus bedeutungslosen Augenbli- cken, die im Nichts verschwinden. Unsere Zeit ist von Gott gegeben. Sie steht unter seinem Blick. Darum dürfen wir das Schöne dankbar annehmen, ohne es zu unserem Gott zu machen. Und wir dürfen das Vergangene loslas- sen, ohne zu glauben, es sei deshalb wertlos geworden. Darum betrachtet der christliche Glau- Das Korn, das in die dunkle Erde fällt, sieht zunächst verloren aus. Es ver- schwindet. Niemand kann an seiner äußeren Gestalt erkennen, was in ihm verborgen liegt. Und doch beginnt gera- de dort, im Dunkeln, neues Leben. Klug wird nach biblischem Verständnis nicht der Mensch, der möglichst viele Informationen gesammelt hat. Klug ist, wer sein Leben im Licht Gottes be- trachtet. Wer weiß, dass seine Tage gezählt sind, und sie gerade deshalb nicht gedankenlos verstreichen lässt. Der Herbst stellt uns leise Fragen: Was ist in meinem Leben gereift? Wofür kann ich danken? Was sollte ich noch sagen, solange Zeit dazu ist? Mit wem müsste ich mich versöhnen? Was trage ich schon zu lange mit mir herum? Und was darf ich endlich loslassen? Auch in unserem Leben gibt es Dinge, deren Zeit erfüllt ist. Aufgaben, die andere übernehmen müssen. Vorstel- lungen, die sich nicht verwirklichen ließen. Wünsche, die unerfüllt geblie- ben sind. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ ANDACHT ANDACHT
...