Marschgruppe Reserve der Bundeswehr beim Nimwegen-Marsch in Nimwegen; 22 Reservisten für Nimwegen ausgewählt
Marschgruppe Reserve der Bundeswehr beim Nimwegen-Marsch in Nimwegen; 22 Reservisten für Nimwegen ausgewählt Ein seliges Lächeln auf sonnengegerbten Gesichtern - Reservistenverband Ein seliges Lächeln auf sonnengegerbten Gesichtern „Rührt Euch! Ein Lied. Westerwald“. Es sind Nachklänge aus einer ganz eigenen Welt. Zwei Wochen lang war ich mit der Marschgruppe Reserve als Teil der Bundeswehr-Delegation beim legendären Nimwegen-Marsch. Es war eine Zeit intensiver, schöner, manchmal auch sehr anstrengender Erlebnisse. Vor allem aber war es gelebte Kameradschaft. ========================= Die harte Auslese im Vorfeld ========================= Alles beginnt im Februar mit meiner zweiten Bewerbung für die Nimwegen-Delegation. Wer hier mitgehen will, muss leiden können. Das Auswahlverfahren fordert viel – zeitlich wie körperlich. Mindestens 200 Marschkilometer in der individuellen Vorbereitung sind Pflicht. Dazu kommen drei gemeinsame Vorbereitungsmärsche an Wochenenden. Dabei wird nicht nur das Marschieren in Formation geübt, sondern auch das gemeinsame Singen im Gleichschritt. Der emotionale Höhepunkt im Vorfeld? Der Berner Zwei-Tagesmarsch im Juni. Zweimal 40 Kilometer durch das landschaftlich reizvolle, aber höhenmeterreiche Berner Alpenvorland. Belohnt wurden wir mit einer schönen Medaille. Doch den erheblichen Belastungen ist nicht jeder gewachsen. Die Auslese ist hart, einige Bewerber müssen vorzeitig ausscheiden. Am Ende qualifizieren sich aus unserer Marschgruppe 22 Reservisten für Nimwegen, darunter vier Erstteilnehmer. Aus meiner eigenen Reservistenkameradschaft Kaiserstuhl ist ein weiterer Kamerad mit dabei, gleichzeitig vertreten wir beide unser Bundesland Baden-Württemberg in der Marschgruppe. Ansonsten kommen die Marschgruppenmitglieder aus allen Himmelsrichtungen der Republik. Vereinzelt finden sich weitere Reservisten in den Marschgruppen der aktiven Truppe. ============================ Warm-up in Gifhorn ============================ Die eigentliche Mission startet traditionell mit der Gifhorn-Woche. Dieses Jahr beziehen wir nicht wie gewohnt die Bundespolizeikaserne, sondern das Lager Trauen auf dem Truppenübungsplatz Munster. Die Unterkünfte sind eng, aber die Truppenbetreuung ist vorbildlich. Generell können wir dem Delegationsstab mit allen unterstellten Unterstützungsteilen gar nicht genug für alles danken. Nach dem Einrichten genießen wir die Abende bei Musik und Kaltgetränken am Bierpilz. Die folgenden Tage dienen dem Warm-up: 1. Mittwoch: 21 Kilometer beim Wittinger Marsch. Im Ziel wartet die Wittinger Brauerei mit kräftigem Gulasch und Freibier. 2. Donnerstag: Parade und Gesangswettstreit in Gifhorn. Die Marschgruppen treten mit ihren Lieblingsliedern auf der Bühne gegeneinander an. 3. Freitag: Der Steinecke-Marsch führt uns direkt zur namensgebenden Bäckerei mit exzellenter Verpflegung. Für unsere gut trainierte Delegation sind diese Märsche keine echte Herausforderung mehr. Sie sind die perfekte Einstimmung. Am Samstag verlegen wir endlich nach Nimwegen. ==================================================== Zeltstadt Heumensoord: 16 Mann auf knapp 40 Quadratmetern ==================================================== In Nimwegen angekommen beziehen wir zusammen mit über 6.000 Soldaten aus aller Welt das Lager Heumensoord. Unzählige Großzelte stehen hier Reihe an Reihe. Komfort sieht anders aus: 16 Mann teilen sich eine rund 6×6 Meter große Box. Neben acht Doppelstockbetten bleibt kaum Platz zum Atmen. Wäscheleinen, Bügel und Beutel mit Karabinerhaken werden zu überlebenswichtigen Einrichtungshilfen. Der Sonntag bietet Raum für Ausflüge nach Nimwegen oder zu den historischen Schlachtfeldern der Weltkriege. An den Abenden der gesamten Nimwegenwoche herrscht in der Stadt absolute Volksfeststimmung. Am Montag folgt ein emotionaler Moment: Der bewegende Delegationsbesuch auf der deutschen Kriegsgräberstätte Ysselsteyn erdet uns alle noch einmal vor dem Start. ================================ Vier Tage im Ausnahmezustand ================================ Von Dienstag bis Freitag wird es ernst. Jeden Tag warten rund 40 Kilometer mit Gepäck auf uns. Die Wecker klingeln unbarmherzig, die Startzeiten für die Delegation schwanken zwischen 4:30 Uhr und 6:15 Uhr, wecken mindestens 1 Stunde früher. Bei frühen Starts sind die Strecken leerer und wir können ein höheres Tempo halten. Die ersten Kilometer gehören den Militärs exklusiv, danach verschmelzen wir mit den zivilen Massen. Insgesamt sind über 50.000 Menschen auf den Beinen. Die Stimmung ist elektrisierend. Wir tauschen Patches, Geschichten und Erfahrungen mit Kameraden aller Nationen aus. Wir begegnen auch viel Gold: Wir stoßen auf Generalarzt Dr. Rolf von Uslar und dem 16. Inspekteurs der Luftwaffe und jetzigen Befehlshaber des Allied Joint Force Command, General Ingo Gerhartz, die jeweils als Einzelmarschierer dabei sind. Mit General Gerhartz laufen wir eine Weile gemeinsam und kommen ins Gespräch. Am Straßenrand stehen unzählige begeisterte Zuschauer. Sie stehen an Musik-, Bier- und Essensständen und feiern die Marschierenden. Auf der Strecke versorgt uns die Bundeswehr an jeweils zwei bis drei Pausenplätzen grandios. Auch der Sanitätsdienst steht bereit. Zurück im Camp setzt sich die gute Stimmung fort: Die Marschgruppen präsentieren im Festzelt eigene Show-Einlagen, die für riesige Unterhaltung sorgen. ================================ Schmerz vergeht, der Orden bleibt ================================ Mit jedem Tag fordert der Asphalt seinen Tribut. Die Schlangen beim Sanitätsdienst werden länger. Die Kameraden mit dem blauen Barett leisten unter extremen Dienstzeiten Überragendes. Trotz bester Prophylaxe sieht man den Männern und Frauen die Belastung an. Die Füße brennen, die Muskeln hämmern. Von den knapp 350 Marschierern der deutschen Gesamtdelegation müssen am Ende nur sechs aufgeben. Unsere Marschgruppe Reserve kommt vollzählig durch! Einige Kameraden müssen wegen grippaler Infekte, Fußverletzungen oder riesiger Blasen heftig auf die Zähne beißen. Doch Aufgeben ist keine Option. Dann ist er da: der letzte Marschtag. Die pure Belohnung. Die Begeisterung an der Strecke erreicht ihren Siedepunkt. Nach den letzten 41 Kilometern halten wir endlich den verdienten Orden in den Händen. Es folgt der triumphale Einzug auf der Via Gladiola. Fünf Kilometer Parade. Das Gepäck ist auf dem Fünftonner verlastet, der Gang trotz aller vorheriger Strapazen aufrecht, auf der Brust prangt der Orden. Es fühlt sich an wie in einem kochenden Fußballstadion. Wir marschieren wie Profikicker durch eine tosende Welle der Zuschauerbegeisterung. In diesem Moment vergessen die Fußkranken jeden Schmerz. Auf den sonnengegerbten Gesichtern liegt nur noch ein seliges Lächeln. Viele werden nächstes Jahr wiederkommen. Zurück in Südbaden steht der Termin 2027 schon in meinem Terminkalender.